Kirchturmbild 2021
Wenn uns das Wort aus dem Lukasevangelium in diesem Jahr dazu auffordert, barmherzig zu sein, geht es also zuerst gar nicht um ethisches Handeln, um Handeln anderen Menschen und der Umwelt gegenüber, sondern dann geht es zuerst einmal um mich. Wie ist da die Beziehung zwischen Gott und mir? Wie gehe ich mit Fehlern um? Bin ich mir gegenüber gnädig, und darf ich die Gnade, die mir von Gott geschenkt ist leben? Schaue ich nach Gottes Recht, was sein Recht wäre und sein Recht ist und worauf er verzichtet?
Und wenn ich falsch liege, dem Recht Gott und dem was er von mir will gegenüber, wie gehe ich damit um? Erst dann kann man wirklich barmherzig sein und mit seinen Mitmenschen und mit andern umgehen.
Wir merken beim zweiten Hinsehen: die Verse rund um die Jahreslosung zeigen die ganze Bandbreite auf. Genau darin wird Barmherzigkeit zur Herausforderung. Denn im weiteren Verlauf des Textes geht es um Feindschaft, Vergeltung, Gewalt, Eigentum, Hilfeleistung, Egoismus, Verurteilung und Diffamierung.
Je nach Situation bleibt gerade dann die Barmherzigkeit auf der Strecke. Damit ist aber nicht allein die Barmherzigkeit, die Milde, die Gnade anderen gegenüber gemeint, sondern auch die Barmherzigkeit einem selber gegenüber, die von Gott ausgeht und wir geschenkt bekommen. Wer so Barmherzigkeit übt, der kann auch anderen barmherzig sein. Aber wir sind das allzu oft nicht. Wir sind unser schärfster Kritiker. Und wie oft stellen wir infrage was wir tun? Gott war AUCH barmherzig zu uns, dann dürfen wir das auch sein, zu uns selber barmherzig. Daraus dann barmherzig, mit dem roten H in der Mitte zu sein - wie im Bild - mit dem Herz für andere, das wäre das Ziel und genau das ist ein Traum. So wäre es schön und richtig und gut und leider ist das nicht real, sondern nur ein Traum. Aber ich finde, es ist ein großartiger Traum. Der Traum von einer Welt, in der wir Menschen nicht ängstlich auf unseren eigenen Vorteil bedacht sind oder in Selbstzweifel stecken bleiben, sondern ein Traum, der alle Menschen in den Blick nimmt. Voller Liebe. Voller Menschlichkeit. Voller Barmherzigkeit.
Ich habe einen Traum von einem Wirtschaftssystem, das sich von Barmherzigkeit leiten lässt. Wo nicht der Profit im Mittelpunkt steht, sondern die Menschen. Ich würde nicht nach der billigsten Hose suchen, sondern nach der, für die die Näherinnen in Asien anständig bezahlt werden – an einem Arbeitsplatz, an dem man gut und gerne arbeiten kann. Mit Arbeitszeiten, die den Frauen die Chance geben, Zeit für sich selber und für die Familie zu haben. Barmherzigkeit hat ihren Preis. Die Waren würden teurer werden und ich weniger für mein Geld kaufen können, aber das wäre es wert. Ein Wirtschaftssystem, in dem Barmherzigkeit einen hohen Wert hat,
findet sich nicht damit ab, dass die Ausbeutung von Rohstoffen /Bodenschätzen anderswo die Umwelt zerstört. Und dass der Müll unserer Wegwerfgesellschaft anderswo die Landschaften verunreinigt. Ich habe den Traum von einer Gesellschaft, die sich von Barmherzigkeit leiten lässt. Die das Elend und das Unglück anderer sieht. Wer barmherzig ist, dessen Herz wird berührt. Es würde mich nicht kalt lassen, wenn ich im Wohlstand lebe und anderswo Menschen nicht genug zum Leben haben. Es würde mich nicht kalt lassen, dass anderswo Menschen verfolgt, ausgebeutet, unterdrückt, ermordet werden. Es würde mich nicht kalt lassen, dass die ganze Schöpfung, die ganze Natur unter uns Menschen stöhnt und ächzt. Unser Wirtschaftssystem ist nicht barmherzig. Und auch unsere Gesellschaft ist es nicht. Einzelne Menschen, die sich vom Geist Jesu leiten lassen, sind barmherzig. Sie setzen gegen die Macht der Hartherzigkeit ihre Barmherzigkeit. Sie verzichten darauf sich im Durchzusetzen, auch darauf, ihr eigenes Recht durchzusetzen. Sie versuchen, im Alltag immer wieder zu zeigen, dass ein menschlicher, rücksichtsvoller, barmherziger Umgang miteinander möglich ist.
Ich glaube, barmherzig sein und Barmherzigkeit ist nicht anders zu haben, als von der Barmherzigkeit Gottes als Ausgangspunkt. Er trägt uns durch das Leben. Durch seine Barmherzigkeit können wir barmherzig gegenüber uns sein. Daraus ergibt sich die Barmherzigkeit, die wir selber anderen gegenüber üben. Wer sich so barmherzig angeschaut fühlt, der fragt nicht danach, was er oder sie dafür bekommt, sondern der weiß von seinem Beschenktsein und schenkt weiter, von seinem getragen sein und trägt mit, macht Mut, sich dem zu stellen und für eine solche Barmherzigkeit einzutreten und so gemeinsam Zukunft zu gestalten.
Ich glaube, barmherzig sein und Barmherzigkeit ist nicht anders zu haben, als von der Barmherzigkeit Gottes als Ausgangspunkt. Er trägt uns durch das Leben. Durch seine Barmherzigkeit können wir barmherzig gegenüber uns sein. Daraus ergibt sich die Barmherzigkeit, die wir selber anderen gegenüber üben. Wer sich so barmherzig angeschaut fühlt, der fragt nicht danach, was er oder sie dafür bekommt, sondern der weiß von seinem Beschenktsein und schenkt weiter, von seinem getragen sein und trägt mit, macht Mut, sich dem zu stellen und für eine solche Barmherzigkeit einzutreten und so gemeinsam Zukunft zu gestalten.

